Dienstag, 31. Mai 2011

P.

Als ich zum ersten Mal in Palo Alto war, habe ich P. geholfen, die Klinkersteine beim Garteneingang meiner Gastgeberin neu zu versetzen. P. ist Mexikaner, er lebt wie hunderttausend andere illegal in den USA. Er spricht nur nur wenig Englisch, und er kann wenig lesen und schreiben.

Ich wollte von meiner Gastgeberin M. mehr über P. wissen.

P. ging in Mexico 2 Jahre lang zur Schule, dann starb seine Mutter. Von da an musste er für seine älteren Geschwister, die schon arbeiteten, das Essen bereiten. Als er etwas älter war, schleppte er auf dem Bau Zementsäcke. Mit 18 schaffte er es über die Grenze nach California. Da sah ihn M. auf der Strasse, und sie stellte ihn für ein paar Gartenarbeiten an.
Heute ist P. einunddreissig. Er macht immer noch Gartenarbeiten, und er kann immer noch nicht legal in den USA arbeiten. Aber er hat Karriere gemacht. Er besitzt 2 Picup Cars, Mäher, Bläser und alle Arten von Werkzeugen. Er macht auch kleinere Umbauten. Er hat ein Bankkonto, eine Creditcard, einen Telefonanschluss, eine Geschäftskarte und einen ziemlich grossen Kundenstamm, zu dem viele Leute in der Umgebung von M. gehören. Er arbeitet schnell und zuverlässig, er ist sehr geschickt, und er ist beliebt. Für M. arbeitet er nur noch, wenn er Zeit hat.

Er besitzt eine legale Wohnung, in der er auch Zimmer an illegale Mexikaner vermietet, was wiederum legal ist. Er hat keinen Fahrausweis, den kann er als Illegaler nicht erwerben. Er hat eine Frau und drei Kinder. Die leben jetzt wieder in Mexico, wo er ein Haus gebaut hat. Er ist nicht verheiratet. Zwei seiner Kinder sind Amerikaner, sie sind in den USA zur Welt gekommen. Er hat jetzt eine mexikanische Freundin. Diese ist Amerikanerin, und sie möchte ihn heiraten. Er wäre dann legal in den USA. Aber das gäbe wieder eine Menge neuer Probleme.

M. hilft P. manchmal im Umgang mit Wohnungsvermietern und öffentlichen Diensten. Das ist für Illegale recht schwierig, und oft auch recht teuer.

Montag, 30. Mai 2011

Letzte Tage in California


Noch 24 Stunden, dann fliege ich in die Schweiz zurück. Ich habe zur Probe schon mal gepackt. Mein Zelt kann mitkommen, meine "Küche" und meine Schuhe bleiben hier. Die Reisekleider liegen bereit.

Gestern und vorgestern bin ich mit der Bahn von Palo Alto nach San Francisco gefahren. Den ersten Tag habe ich am Pier 39 verbracht, ich bin mit dem Cable Car gefahren und ich habe ein Freiluftkonzert besucht: John Coltrain (das Publikum war mehrheitlich meine Generation). Und wie immer in fremden Städten bin ich stundenlang zu Fuss unterwegs gewesen. Am Abend war ich ziemlich müde.

Gestern habe ich das "SFMOMA" besucht, das San Francisco Museum of Modern Art. Ein roter Backstein - Bau mit einem riesigen schrägen weissen Oblicht, entworfen vom Tessiner Architekten Mario Botta. Die erste halbe Stunde sass ich gemütlich bei einem echten Capuccino, ich liebe diese Museum - Cafes.


Das Gebäude sieht eher klein aus, die Hochhäuser daneben sind 15 Stockwerke höher. Es ist aber innen viel grösser als aussen, und wenn man dann durch die Ausstellungen geht wird es riesig.

Ich begann im 3. Stock. Photography: "Picturing Modernity" und "Eadweard Muybridge", Fotos von 1870 - 1910, aus der Zeit meines Urgrossvaters.

Dann in den 4. Stock mit der grossen Sonderausstellung. "The Steins Collect: Matisse, Picasso, and the Parisian Avant-Garde". Die steinreichen Geschwister Stein fuhren 1903 nach Paris. Dort lernten sie Matisse, Picasso und andere junge Künstler kennen, unterstützten sie, erwarben ihre Bilder und wurden zu einem Mittelpunkt der Kunstszene.

Ich verbrachte eine spannende Zeit in dieser Ausstellung, die Stein - Sammlung ist ausserordentlich, und ebenso ausserordentlich war ein Teil des Publikums (ich gehörte zum andern Teil).

Meistens habe ich nach zwei Stunden genug von einem Museum, aber hier interessierten mich auch noch die anderen, moderneren Ausstellungen. Nach so viel wilder Natur brauchte ich die Kultur.

Heute nimmt mich May, meine Gastgeberin, mit nach Santa Cruz, wo sie wieder eine Antik - Auction besucht (siehe Blog vom März). Ich werde meine letzte Amerikazeit gemütlich in der Stadt und im Vergnügungspark am Meer verbringen. Santa Cruz soll interessant sein.

Donnerstag, 26. Mai 2011

Grössenordnungen


Ich habe jetzt fast drei Monate in Californien verbracht, in nur einem der 50 Staaten der USA. Aber was Grössenordnungen angeht, musste ich auch so umdenken.

Ich fuhr von Süden her der Küste entlang und kam nach Los Angeles. Mein Ziel war die Steiner Avenue im Stadtteil Santa Monica. Eigentlich hätte ich jetzt anhalten und die Karte studieren wollen, aber bei starkem Verkehr auf vier Spuren geht das nicht. So zweigte ich in den Mac Arthur Parkway ab( weil der Name mir imponierte). Noch zweimal rechts abbiegen, und ich konnte endlich auf einem Bürohausparkplatz anhalten, wo ich heraus fand, dass ich im Stadtteil Irvine war. Ich prägte mir dann den weiteren Weg ein: Birch - Jamouree - Interstate 405 Nord - Interstate 10 West - Lincoln - Marine - Steiner, zusammen etwa 65 km, alles in Gross Los Angeles. Am nächsten Tag ging es nochmals 80 km weiter nach Norden. Dann war ich wieder aus der Stadt heraus.

Mein Ziel war Cedar Grove im King's Canyon National Park in der Sierra Nevada. In diesem Park gibt es keine Tankstellen. Auf dem Hinweg 145 km, auf dem Rückweg nochmals 110 km. Es lohnt sich, den Benzinstand vorher zu kontrollieren.

Die Sierra Nevada zieht sich von Süden nach Norden durch California. Fast das gesamte Gebiet ist öffentliches Land: Staatspark, Nationalpark, National Forest, Militärgebiet: 750 km lang und 80 km breit, anderthalb mal die Fläche der Schweiz.






Auch die Bäume sind grösser als zu Hause.

Ich glaube nicht, dass mein Urgrossvater Goldgräber wurde

Mein Urgrossvater Albert Hanselmann war der Reihe nach Lehrer, Ehemann, Vater, Lieutnant, Fabrikant, Konkursit, Auswanderungsagent. 1881 fuhr er nach Amerika, seine Frau mit den sechs Kindern liess er vorläufig zurück. Nach neun Jahren, über die wir nichts wissen, war er wieder da um "seine" Familie holen. Doch meine Urgrossmutter Katharina wollte nichts mehr von ihm wissen. So fuhr er nochmals allein nach Amerika. Dann verliert sich seine Spur. (Ich habe eine ausführlichere Familiengeschichte aufgeschrieben).

Gold hat eine grosse Bedeutung in der Geschichte von California. Als Reisender muss man eine Ghost Town besuchen. Ich war im Norden, in Bodie, wo um 1880 herum sechs Tausend Goldsucher auf 2500 Höhe Jahre lang geschuftet und gehaust haben. Überall sind zerfallene Stollen. Tafeln warnen vor dem Einstieg, ich habe es auch nicht versucht. Ein paar ihrer Häuser sah ich noch, im Schnee. Minus 20 Grad ist hier im Winter normal, und oft stürmt dazu. Holz war knapp, Isolation gab es keine. Das muss ein hartes Leben gewesen sein.

Später habe ich im Süden, in Julian, an einer Goldminenführung teilgenommen. Die Stollen und Schächte dieser Mine messen etwa vier Kilometer,und sie liegen auf 10 Ebenen. Dreihundert Meter davon konnten wir ansehen. Dieser Eingangs - Stollen wurde noch mit Hammer und Meissel ausgebrochen, später verwendeten sie Dynamit. Der Querschnitt ist natürlich möglichst klein.

Mitten im Stollen schaltete der Führer die elektrische Beleuchtung aus. Dunkler kann es nicht mehr werden. Nach ein er Minute zündete er eine Wachskerze an, die damalige Arbeits - Beleuchtung.

Das Gold war in einer etwa 10mm starken Quarzschicht enthalten. Das Golderz wurde mit Aufzügen und Stollenwagen zum Stampfwerk gebracht und dort zu Pulver zermahlen. Hochgiftiges Quecksilber löste das Gold auf, und man brauchte man das Quecksilbers nur noch zu destillieren, und schon hatte man das Gold. Aus einer Tonne Erz konnte man etwa eine Unze (28 Gramm) Gold gewinnen. Die meisten Bergleute sollen klein und schlank und zäh gewesen sein.











Meinen Urgrossvater kann ich mir nicht als Goldgräber vorstellen.















Samstag, 21. Mai 2011

Anza Borrego

                                                                         Palo Verde

Gestern fuhr ich durch den "Anza Borrego State Park", einen 2400 km2 grossen Californischen Staatspark, grösser als der Kanton St.Gallen.

1775 zog der Spanier Juan Bautista de Anza mit einem Treck von 200 Kolonisten und einigen Missionaren sowie 1.000 Stück Vieh von Arizona aus 2.000 km durch die Wüsten nach Monterrey in California. Dabei sind sie auch hier durch gekommen.

Auf einigen Strecken blühte die Wüste: gelb die Creosote-Büsche, rot die Occotillo-Stauden, Gelb die Palo Verdes, rosa die Wüstenweiden, weiss die Yuccas, dann die vielen gelben Löwenzahnähnlichen, ein paar flammende Paintbrush, und hie und da ein Biberschwanz Kaktus mit seinen lila Blüten. Ich genoss meine Zeit und hielt oft an.

Ein ziemlich leeres Gebiet (200 km2) mit grobem Kies und harter Erde und wenigen Creosote Büschen ist für die Offroad Fahrzeuge reserviert: "Occotillo Wells State Vehicular Recreationa Area for off-highway vehicle enthusiasts". Ich sah ein paar von den lauten und abenteuerliche Eigenbau - Konstruktionen. Aber Freitag ist hier nicht viel los, die Leute kommen erst übers Wochenende, um ihre grenzenlose Freiheit zu geniessen.

Anza Borrego ist hier der einzige Park, wo man überall campieren darf. Kein Wasser, kein Schatten, kein Grün, nur harte Erde mit Steinen, das wäre für mich doch zu viel Natur.



 Beavertail Cactus
Nolina
Mariposa Lily
Occotillo
Desert Willow
Prince's Plume

Donnerstag, 19. Mai 2011

Traum erfüllt

Vor dreissig Jahren las ich bei Lars Gustafsson (Der Tennisspieler) , wie er am Morgen vor seinem Zelt den ersten Kaffee trinkt. Er ist allein in der amerikanischen Wüste. Nach einer kalten Nach bringen die ersten Sonnenstrahleneine eine Ahnung von Wärme: Das wollte ich einmal erleben.
Jetzt hocke ich in Jumbo Rock (Mojave Desert) in meinem Zelt, warm angezogen und halb im Schlafsack. Eben schien für ein paar Minuten eine milchige Morgensonne, eine Anflug von Wärme. Um sechs Uhr hatte ich mir draussen neben dem grossen Stein, der den kalten Wind etwas abhält, unter einem grauen Himmel meinen ersten Kaffee gebraut. Eine halben Stunde lang konnte ich die Morgenstimmung geniessen, dann bin ich, leicht durchfroren, zurück ins Zelt gekrochen. Es hat leicht zu regnen begonnen.

Und doch, ich erlebe jetzt das, was ich mir damals erträumt habe. Mein kleines Zelt steht zwischen Felsen und Büschen, meine 100m entfernten Nachbarn sehe ich nicht, ich könnte allein da sein. Als ich gestern Abend mein Lagerfeuer im Sturm gepflegt habe, ging über den wilden Felsen ein grosser roter Mond auf. Und das alles ist echt. 

Eben hat draussen etwas geknurrt, aber ich habe nichts entdecken können. Jetzt ist es Zeit, mich umzuziehen, etwas aus meiner Kartonschachtel zu essen und meinen Zeltplatz für eine weitere Nacht zu reservieren.  



  Das ist mein Jumbo - Rock - Hinkelstein

Dienstag, 10. Mai 2011

Susanville, 18'000 EW, 1300müM.



Ich sitze im Raum 1036, im 10. Stock des Casinos Eldorado in Reno. Durch die Schneeflocken sehe ich das gedeckte Football Stadion und das National Bowling Center, wo gerade eine wichtige Meisterschaft stattfindet. Ich bin weder ein Glücksspieler noch ein Kegler, ich habe auf meinem Weg hier in Reno Halt gemacht, um mich zu erholen und um den billigen Luxus zu geniessen.

Vorgestern habe ich auf einem ganz kleinen Waldcamping "ohne alles" übernachtet, 50 km vom nächsten Dorf entfernt, ohne Sichtkontakt zu den zwei sehr alten Wohnwagen, die auch auf dem Platz waren, dafür aber mit bärensicheren Behältern und Warnungen vor Bären und Schlangen. Ich stellte mein Zelt nahe am rauschenden Trinity River auf. Nachts dann rauschte der Sturm in den Bäumen viel lauter, und mein Zeltchen kam sehr ins Flattern.
Gestern versuchte ich es im lokalen Zentrum Susanville mit einem sehr einfachen Motel, eher für Mexikaner und Schwarze, ich will ja möglichst viel von Amerika sehen. Anfangs bereute ich meinen Entschluss, doch am Ende begann es mir zu gefallen.

Beim Morgenessen im "Harts 50's and 60's Café" erkundigte ich mich bei den älteren Einheimischen über den verlassenen Ort am Fusse der Lassen Berge. Später sprach ich noch länger mit der Mexikanerin von meinem "Border Lodge Motel".

Seitdem vor 15 Jahren der Wald hier geschützt wurde, läuft gar nichts mehr im einstigen Holzfäller - Zentrum, die alten Sägereien zerfallen. Das grosse Gefängnis ausserhalb der Stadt ist der einzige Arbeitgeber. Der Winter hier ist lang und hart, drei Meter Schnee, 20 Grad unter Null und Stürme. Dann folgt ein kurzer und angenehmer Frühling (gestern und heute war zB ein Schneesturm), und dann kommt der heisse Sommer ohne jeden Niederschlag, der die grossen flachen Schmelzwasser - Seen schnell wieder in Salzwüsten verwandelt.

An den Laternenmasten der Hauptstrasse hängen Plakate mit Bildern von vielen jungen Soldatinnen und Soldaten. Die Stadt dankt ihnen und ihren Familien für den geleisteten Dienst im Irak und in Afghanistan.

Ich traute mich fast nicht zu fragen, aber es ist so: diese jungen Menschen aus Susanville sind tot. Die Army und die Air Force seien hier fast die einzigen Möglichkeiten für Schulabgänger. Das sei traurig.

Vielleicht sperren sie noch mehr Leute ins Gefängnis, das würde ein paar zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Wenigstens sind die Bäume jetzt geschützt.