Donnerstag, 28. April 2011

Vorurteile

In Healdsburg war ich zwei Tage lang allein im Haus. Am ersten Abend sah ich mir den alten Film "When Harry met Sally" an. Die Amerikaner sind den Europäern im TV immer noch voraus: ich glaube, dass die Werbe - Unterbrechungen etwa so lange waren die Filmstücke dazwischen.

Am zweiten Abend habe ich herumgezappt: meistens Serien. Bei "Dr. OZ" blieb ich hängen. Anscheinend eine Talkshow. Vorne etwa 10 Frauen, die meisten in amerikanischen Militäruniformen. Die Sendung hiess "Women Of War" (Frauen im Krieg) zum ersten Mal kämpfen im Irak und in Afghanistan amerikanische Frauen an der Front mit.
Und so habe ich den Ausschnitt erlebt:
Das Bild einer bewaffneten Frau in voller Ausrüstung. Dann eine zusammen geschnittene Sequenz: Ein Patrouillenfahrzeug fährt auf eine Mine (filmreifer Feuerball, Gewehrfeuer. Eine Frauenstimme: ein Schlag, höllischer Schmerz, ein Bein von mir ist weg, ich werde sterben. Dann eine Szene mit rennenden Sanitätern mit Tragbahren und mit Helikoptern. Dann Bilder aus einem Spital, Rehabilitation. Die Frau im Rollstuhl in der Küche, in Skiausrüstung, sie hüpft zu ihrem Auto, sie springt in ein Schwimmbecken. Ende des Films, er wird hell im Saal.

Die Frau sitzt jetzt in den vordersten Reihe, strahlt und winkt in die Kamera. Applaus aus dem Publikum.
Dr. Oz begrüsst sie, stellt Fragen an sie:
Wie sie den Weg ins Leben zurück gefunden habe?
Das sei sehr schwer gewesen, aber Familie und Freunde seien wichtig gewesen, und etwas zu finden, was sie begeistert.
Was ihr in den Sinn komme, wenn sie an ihren Militärdienst zurück denke?
Das war eine sehr gute Zeit. Sie habe viel gelernt, viel Gutes erlebt (gute Kameraden, Unterstützung...), und sie sei froh, dass sie diesen Weg gewählt habe. Sie würde es wieder som achen. Sie strahlt stolz.
Dr. Oz fragt die anderen Militärfrauen, wem es ebenso gegangen sei. Alle strecken auf! Grosser Applaus aus dem Publikum.
Das ist krank, denke ich. In was für eine Scheiss - Sendung bin ich da geraten?
Meine Freunde, die ich frage, können mir nicht helfen, sie sehen kein TV. Später gehe ich im Internet auf die Suche. Ich kann die Szenen nochmals anschauen. Meine Erinnerung stimmte ungefähr, auch das letzte Statement. Amerikaner sind da anders als ich. Ich sehe es als einen meiner grossen Fehler an, dass ich mehr als das absolute Minimum an Militärdienst geleistet habe, und das in unserer Spielzeugarmee.

Aber die Sendung von Dr. Oz finde ich jetzt trotzdem sehr gut: er beschönigt nichts.
Er behandelt die akuten Probleme von Frauen nach dem Kriegsdienst:

1. Post Traumatic Stress Disorder, unter dem Frauen noch mehr leiden als Männer
2. Obdachlos nach dem Militärdienst
3. Sexuelles Trauma nach Übergriffen von "Kameraden"
4. Probleme im Familienleben: nach dem Kriegsdienst ist die Frau eine andere Person.
Hier zwei amerikanische links zu dieser Sendung:



Montag, 25. April 2011

Freunde in Annapolis

 
Ostern ist hier ein Sonntag wie jeder andere, und jeder Sonntag ist ein Tag wie jeder andere. Man arbeitet je nach Wetter, und nur so viel dass man weder Sonntage noch Ferien braucht. Die Leute hier denken lieber selber anstatt zu glauben.

Am Abend fahren wir zu viert mit dem Picup durch den Regen zu Stephen's. Zuerst 20% steil im 4wheel drive den Berg hoch, dann 500m weit auf der Teerstrasse, dann auf der Little Creek (dirt-)Road den Berg hinunter zur schmalen Holzbrücke und wieder hinauf aufs Plateau. Alles im Wald. Die Strasse ist schmal und kurvig, die gewaltige Bäume stehen hart am Strassenrand, unsere Geschwindigkeit beträgt 10 mph (16 km/h). Überraschend kommt ein grosser und schöner Weinberg, eine Tafel (Pivate Property, Keep Out) und nochmals ein Weinberg, wieder mit Tafel, und nach 45 Minuten kommen wir über eine Fahrspur zu Stephen's Haus. Im hell erleuchteten Fenster sehen wir Leute in der Küche hantieren .

Durch den Regen bringen wir unsere Schachteln mit Essen und Getränken und zwei Klappstühle zum Haus und beegrüssen die Leute: nice to meet you. Stephen, der Hausherr, empfängt uns. Er ist gross, herzlich und sehr beschäftigt mit seinen 12 Gästen. Mich fragt er, ob ich der Guy von Sweden sei. (Au, nicht schon wieder!) Doch ich soll mich getäuscht haben, er habe vor Jahren einen Schweden getroffen, der mir ähnlich sah. (Vielleicht, denke ich).

Stephen hat sein Haus selber gebaut, über Jahre hinaus, und immer wieder angebaut. Die alten Teile hat er gelassen wie sie waren. Ich habe noch nie solch ein Haus gesehen, für mich ist es ein Haus der Gefühle. Später erfahre ich von Stephen, dass er in Hollywood mit Licht und Ton gearbeitet hat. Er war auch Lehrer für Kunst an einer Universität, er hat Plastiken geschaffen, und er hatte ein Geschäft in San Francisco. Er kann mir nicht genau sagen, seit wann er hier draussen lebt und baut.

Kurt, ein Gast, hat am WEF in Davos ein Compuer - System für Konferenzen eingeführt, mit dem man die Schnörri zurück binden und die Zaghaften ermuntern könne. Weil er sich für den biologisch - dynamischen Anbau interessiert, hat er damals auch Dornach besucht. Jetzt experimentiert er mit Schaf- und Ziegenkäse, allerdings noch mit wechselndem Erfolg. Vom gut Gelungenen hat er mitgebracht. Es dauert, bis draussen im Regen auf dem Grill die Glut bereit ist. Unterdessen geht in der alten Küche das gemütliche Chaos weiter.

Ashley und Fergusson, ein junges amerikanisches Paar, kennen sich in Stephen's Küche schon aus. Sie wohnen für ein Jahr als Wwoofer auf Kurts Hof. Die Leute bringen ihre whoofers zu diesen Treffen mit.
Ihre „Sklaven“ wie sie sie manchmal liebevoll nenenen.

Den freundlichen 20-jährige John kenne ich schon, er kommt jeden Donnerstag zu Jim und Sharon zum Musizieren und zum Essen. Seine Eltern sind erfolgreiche Gartenarchitekten, und sie wohnen schon lange wieder in San Francisco. John lebt allein im alten Haus mit dem grossem Garten und dem Treibhaus, hier irgendwo im Wald. Er hat keine Schule besucht, Lesen und Schreiben hat er bei seinen Eltern gelernt. Geige spielt er ab CD's, fürs Brennholz fällt er die Bäume selber. Er besitzt ein schweres Motorrad. Mit dem möchte er durch die USA und durch Europa fahren. Er hat gerade ein Buch geschrieben, "Dark Light", das er im Internet vermarkten will.

Der ältere und gemütliche John hat seine neue Freundin Susan mitgebracht. Man diskutiert, wie man sie eiornen soll: Bekannte von John, Freundin, girlfriend? Man einigt sich auf „John's Lover“. Sie kam vor 28 Jahren aus Dublin und lebt in San Francisco, und sie legt Wert auf ihr Irisches Englisch.

Das Fleisch ist jetzt gebraten, und jeder bringt seinen Stuhl mit an den Tisch. Meiner ist sehr niedrig, ich sehe alles von unten. Es ist eng und gemütlich, die Speisen sind meistens scharf. Alle haben Wein mitgebracht, und John eine Menge Schnäpse. Man tauscht Neuigkeiten aus, dann kommt die Politik. Das verbindet hier die Leute, ihre Abscheu vor dem "american way of life" und vor der Politik Washingtons: Macht, Geld, Imperialismus. Der Betrug mit der Demokratie, die längst keine mehr ist, in deren Name schmutzige Kriege geführt werden. Man ist sich einig. (nicht ganz, das kommt noch).

Man ist sich aber auch einig, dass es fast allen Leuten hier in Amerika sehr gut geht, im Vergleich mit der Rest der Welt, Westeuropa ausgenommen. Es gibt auch viel Gutes in Amerika, die meisten lieben ihr Land. Doch weil sie es lieben, kämpfen sie für mehr Aufrichtigkeit, für mehr soziales Gedankengut, für ein friedlicheres Zusammenleben, gegen das korrupte und allmächtige System von Grossen Gesellschaften, Banken, Politikern und Militär.

Susan sieht das anders. Sie ist als 20jährige aus Irland nach Amerika gekommen, sie verdankt  diesem guten und grosszügigen Land alles. Nach ihrer Überzeugung ist niemand hier berechtigt, am eigenen Vaterland Kritik zu üben. Susan ist dominant, sie fällt jedem ins Wort, sie spricht schneidend und laut und sie lässt andere Argumente nicht gelten. Die Runde bleibt höflich, Susan ist neu hier und ziemlich betrunken. Es tut auch gut, eine andere Meinung am Tisch zu haben. Zwischendurch sagt sie, nur zu mir, es tue ihr leid, dass sie sich so unmöglich benehme.

Man zügelt in die Stube, wo Jim, Carl der Schwede und John der Geiger aufspielen. Als sie Irischen Musik spielen, tanzt Susan wild dazu. Dann stolpert sie und schlägt schwer mit ihrem Kopf auf den Boden. Dann gehen John und Susan nach Hause. Zu Fuss, sie können nicht mehr Auto fahren.

Das Aufräumen in diesem Chaos ist auch ein Chaos. Um zwei Uhr sind wir wieder zurück in unserem immer so aufgeräumten Haus.

Mittwoch, 20. April 2011

Zwischenstation

Es regnet. Vor mir im Garten steht ein Häuschen mit dem Name "Heimelig". Auf meinem Tischset sehe ich den Kamor und den Hohen Kasten, und an den Wänden hängen Bilder aus dem Berner Oberland. Ich bin hier in Healdsburg, Sonoma Conty, zu Besuch bei Liz, einer Verwandten von Luisemarie.

Am Morgen habe ich bei einem Biobauern  5 Stunden lang Mulch in Tomatenbeete verteilt. Auf dem Heimweg wollte ich im originellen alten "Dry Creek General Store" etwas essen. Das Angebot sieht gut aus und ist preiswert. Der Laden war voller elegant gekleideter Touristen. Sie sind auf Wein - Degustationstour. Müde, und in meinen Arbeitskleider, war ich aber schnell wieder draussen, ich fühlte mich als Landarbeiter.

Sonoma County ist 10 mal kleiner als die Schweiz, hat 450'000 Einwohner und 26'500ha Rebgebiet (die Schweiz hat 15'000ha). Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich an sicher 50 Degustationsgütern vorbei. Sonoma produziert mehr und bessere Weine als Napa.


Auf der Heimfahrt verfuhr ich mich heute nicht mehr. Ich fand auch  das Einkaufszentrum ziemlich schnell, wo ich italienisches Brot, französischen Käse und amerikanischen Speck einkaufte. Seit heute bin ich allein in diesem schönen Haus, Liz ist für ein paar Tage 500km in den Norden, in ihr Ferienhaus am Meer gefahren. Ich machte mir Zinfandel Wein mit Käse und Brot zum Lunch.

Ich bin müde, ich habe in den letzten Tagen so viel gesehen und erlebt. Jetzt brauche ich einmal Ruhe. Morgen arbeite ich noch auf der Farm, dann werde ich von Jim und Sharon abgeholt. Während sie zu Besuch in den Osten fliegen, werde ich im Wald ihr Haus und ihre Katze hüten.

Und jetzt untersuche ich den Kühlschrank, für ein Nachtessen. Morgen soll die Sonne wieder scheinen.

Montag, 11. April 2011

Theo, ein Amerikaner

Am Sonntag Nachmittag ist Theo, mein Chef, mit seinem 34-jährigen Mercedes 300D von einem Besuch zu seinem Haus in den Bergen zurück gekommen. Er hat eine Ladung leere Plastikbidons und 300 kg Felsbrocken mitgebracht. Sein 1977er Kombi läuft mit gebrauchtem Frittieröl, das er in Imbisslokalen abholt und filtriert. Dazu benötigt das Auto einen Zusatzfilter und eine Treibstoffheizung. Theo besitzt vier Mercedes vom gleichen Typ, einen als Ersatz und zwei als Ersatzteillager. Daneben besitzt er auch noch vier Picup Trucks, im selben System.

Nachdem er die Felsbrocken ausgeladen hat, baut er neue Gartenbeete, 60 cm hohe Bretterkisten mit einer Drahtnetzeinlage am Boden, gegen der Mäuse. Ich jäte ein lästiges Unkraut, das sich in der Regenperiode breit gemacht hat. Dann wässern wir die Himbeeren und die jungen Apfel- und Aprikosenbäume. Im Sommer, der jetzt bald beginnen sollte, herrscht hier auf 900m ein Wüstenklima. Wer hier pflanzen und leben will, muss den Winterregen in grossen Tanks speichern. Theo besitzt 8 Tanks. Er hat alle Verbindungs- und Bewässerungsleitungen selber verlegt, und er pumpt jeweils Wasser in die oberen Reservoirs. Der Strom kommt vom Solarpanel, das er noch etwas verbessern will. Eine öffentliche Wasser- und Stromversorgung gibt es hier nicht.

Während ich seine drei Araberpferde füttere und striegle, reinigt Theo am Auto die Ölfilter. Dann fährt er zu seinen Ersatzwagen und kommt mit zwei schweren runden Metallstücken zurück, Bremsscheiben. Auf der Heimfahrt hat er ein Geräusch gehört und zu Hause sofort das Rad entfernt und nachgesehen. Hinten links ist eine Bremsscheibe gebrochen

Theo ist Primarlehrer an einer Rudolf Steiner Schule in Monterey, drunten am Meer. Morgen beginnt die Schule, das Auto muss fahren. Zuerst schleift er den Rostbelag vom besseren erhaltenen Ersatzteil. Dann baut er eine neue Handbremse ein, die alte war schon länger kaputt. Es ist dunkel, Theo liegt im Wald auf einem Kartonstück unter dem Auto, er arbeitet mit der Stirnlampe am kniffligen Zusammenbau von Federn und Bremsbacken.

Dann montiert er die Bremsscheibe. Ein unmögliches Design, sagt er. Während er konzentriert arbeitet, erzählt er Julia, der fünfjährigen Tochter seiner Freundin, ein Märchen von Fröschen und Störchen.

Nach zwei Stunden ist die Scheibenbremse repariert. Seine Freundin hat ein Nachtessen gekocht. Draussen ist es kalt geworden, drinnen am Tisch ist es schön warm. Theo hat sein grosses Haus selber gebaut, „mit etwas Hilfe“, Minergiestandard und ein tolles Design. Er hat alles hier oben selber gebaut.

Nach dem Essen arbeitet er weiter. Ich bin schon in meinem Schlafsack, als er eine Proberunde fährt. Alles ist wieder OK.

Zu Theo: Er hat in Stanford Geologie und Umweltwissenschaft studiert und einen Lehrerabschluss gemacht. Er hat besitzt ein Segelboot, zwei Seekajaks, er taucht, fährt Mountainbike und Tourenski, hat momentan kein Geld und sieht gut aus. Er ist freundlich und zuvorkommend. Er ist überzeugt davon, dass der Mensch der Natur helfen kann. Er pflanzt Oliverbäume, Apfel-, Kirsch-, und Pfirisichbäume, Reben, Kakteen, Himbeeren, Gemüse und anderes, und er verkauft Brennholz. Er hat noch viele Pläne, und ich bin sicher, dass er sie verwirklichen wird.

Er lebt so, dass er nicht in die Ferien fahren muss. Ich bin jetzt seit 5Tagen Theos Helfer.

Samstag, 9. April 2011

Abenteuer - Wanderung

Samstags wandere ich gewöhnlich mit Otto. Heute wandere ich allein, in der „Los Padres National Forest Wilderness", die einen Kilometer von meiner Hütte weg beginnt. Ich weiss das von meinem schlauen GPS, da ist ein Pfad zum Devils Gap und zum Devils Peak eingetragen. Weil keine anderen Wege da sind, ist der Devils Peak mein Samstags – Ziel. Bald finde ich den richtigen Weg, und wie mir ein bellender Hund entgegen kommt, und ich nehme einen Stecken. Doch der Stadthund will mich nur begrüssen.

Dann ist die Piste gesperrt: Tafeln, Gitter, Hag, privates Land, Durchgang verboten. Ich weiche aus und komme bald auf den Waldweg. Ich bin jetzt im National Forest. Es geht in ein Tal hinein, mit riesige Bäumen: eine Eichenart und ein immergrüner Laubbaum, der 40 Meter hoch wird und abenteuerlich ausladende Äste hat. Überall liegen umgestürzte Riesenbäume.

Es ist ein gutes Gefühl, allein in diesem wilden Wald unterwegs zu sein. Ich komme an zwei Wildnis – Zeltplätzen vorbei: alte Grillroste, Wasser vom Bach, etwas ebener Platz, sonst nichts. Gestrüpp wächst durch einen Rost. Nirgends Fusspuren, bin ich der erste Wanderer hier, nach dem grossen Regen vor drei Wochen?

Nach einer Stunde bin ich auf dem Devils Gap (einem Pass). Vor mir bewaldete Hügel, ein paar felsige Bergspitzen, kein Zeichen von Menschen. Ein hölzerner Wegweiser:" Big Pines Trail", "Comings Cabin Camp 3", "Big Pine 5", und ein paar Schusslöcher im morschen Holz. Und wo ich her komme:"Apple Tree Camp"," Turners Creek Camp", die mit den rostigen Feuerstellen.

Links 300 Meter höher der Devils Peak, eine Feuerschneise führt dort hinauf. Es sieht nicht einladend aus, sehr steil, in der Sonne und im scharfen kalten Wind. Aber ich bin kein Stubenmuffel, ich mache mich auf den Weg. Zu meine Freude führt der Weg angenehm durch schönen Buschwald zum Gipfel hoch. Auf der Nordseite liegt von gestern noch Schnee, und darin hat es Spuren: Ein Mann und eine Frau. Vielleicht hole ich sie ein.

Aber auf dem flachen Gipfel bin ich allein. Ich essen meinen halben Proviant: ½ Apfel und ½ Banane. Die Aussicht ist gut, 1250 Meter unter mir liegt das Meer, mit schäumenden Klippen weit draussen. Über dem Meer Wolken, über dem Land blauer Himmel . Und dann fährt, wie in einem Film, ein Zeppelin unter mir der Küste entlang gegen Süden.

Als ich nach zehn Minuten wieder zum Meer schaue, sind da nur noch brodelnde Wolkenmassen. Heisst der Berg deshalb Teufelspitze? Ich packe schnell zusammen und steige ab, die Schnee- und Hagelschauer von gestern sind mir noch in zu guter Erinnerung. Im Devils Gap treibt der Nebel durch, doch schon im Wald ist es nur noch kalt. Nach 3½ Stunden bin ich wieder bei meiner Cabin, und die Sonne scheint wieder.

Keine wilden Tiere, kein Schneesturm, kein Hunger und Durst, den Weg nie verfehlt. Das war kein Abenteuer, bloss eine Wanderung in unbekanntem Terrain. Aber das Abenteuer war vorher, als ich mich entschloss, das Wagnis „Devils Peak“ einzugehen. Es gibt hier Bären und Berglöwen und Schlangen, und wir hatten Schneestürme.

Donnerstag, 7. April 2011

Freie Marktwirtschaft

Das ist ein schwieriges und ein komplexes Thema. Ich berichte, was mir in diesem Monat dazu aufgefallen ist, was ich zufällig gesehen, gelesen, gehört und erlebt habe. Ich erhebe keinen Anspruch auf irgend etwas, manche mögen mehr und besseres wissen.

Wenn ich reise, nehme ich jetzt nur noch das kleinste Senioren – Frühstück, zB zwei Rühreier, zwei Scheiben Speck, einen Berg Rösti, Toastbrot und unbeschränkten Kaffee. Nach dem Essen schreibe in mein Tagebuch und trinke Kaffee. Von den 7.59$ sind 61 Cent Verkaufstaxe, das sind Gemeinde-Einnahmen.

Im Einkaufszentrum kaufe ich eine Schoggi für 99 Cent. Zwei würden 1$ kosten, ich brauche aber nur eine. Ähnlich geht es mir auch bei den übrigen Einkäufen. Im kleinen Laden auf dem Land aber bezahle ich oft das doppelte: Nur so kann der Kleine überleben. Er wird aber bald schliessen müssen, die Leute mit Auto fahren 50 km zum Supermarkt, das Benzin kostet nur 1$ pro Liter.

Auch für den Staat läuft es nicht mehr so gut, er muss sparen. Das (republikanische) Parlament spart bei der Gesundheitsversorgung, bei der Kultur, beim öffentlichen Verkehr, bei den Lehrern und den Schulen, den Pensionskassen seiner Angestellten. Gleichzeitig werden die Steuern für die grossen Firmen und Einkommen gesenkt, das um die Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Eigentlich ist nicht weniger Geld vorhanden als vorher, aber es wird neu verteilt: Der schon geringe Lasten- Ausgleich zwischen Reich und Arm wird weiter demontiert, die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer, rasch und gründlich. „Sozial“ ist unamerikanisch, von vielen Politikern wird es als Schimpfwort gebraucht. (Blocher lässt grüssen)

In Los Angeles wohnte ich bei Ann und Sergey. Sergey ist im Kaukasus geboren und hat in Moskau Mikrobiologie studiert. Vor 17 Jahren wurde er als Forscher an die „University of California“ berufen. Er arbeitet an molekularen Mikromaschinen. Er besitzt den Russischen und den Amerikanischen Pass, und er hat Erfahrung in beiden Systemen. Als Forscher lässt er sich schlecht manipulieren, er geht den Dingen auf den Grund.

Seine Schlüsse: Als unpolitischer und gut ausgebildeter Bürger ging es Sergey in der Sowjetunion um einiges besser als hier: er hatte bezahlte Ausbildung, sicheren Arbeitsplatz, ein unentgeltliches Gesundheitssystem, bezahlt Ferien, staatliche Altersrente. (In den USA hat er nichts davon, da muss er für alles kämpfen). Es gab zwar keinen Überfluss, aber für ein einfaches und gesundes Leben hat es gereicht. Sergey hat in der UdSSR fast alle seine Forschungsarbeiten in Englisch veröffentlicht. Einen „Amerikanischen Feind“ kannte man nicht. Die USA waren so weit weg, und man hatte andere Sorgen. Er war nie in der Partei, aber er konnte an der besten Universität doktorieren.

Interessant für ihn ist heute das Reisen: Von den USA nach Russland ist das kein Problem. Aber Russische Ehepaare erhalten von den USA keine Besuchervisa. Entweder der Mann oder die Frau muss in Russland bleiben (Ausser man benötigt einen guten Forscher).

Wenn überhaupt, dann funktioniert in Amerika die Demokratie höchstens auf Gemeinde-Ebene. Überall sonst braucht man Millionen für Werbung, wenn man etwas bewegen will: Hier bestimmt die freie Marktwirtschaft.

Nach dem Untergang des Sozialismus steht jetzt die Freie Marktwirtschaft am Abgrund, und sie muss auf Kosten der Bürger gerettet (oder verlängert?) werden. Wann ist es Zeit für einen mittleren Weg?

Sonntag, 3. April 2011

Radio hören in California

Auf meinen frühe3ren Velotouren durch die Staaten haben haben wir oft weit draussen campiert, wo gar nichts war und alle bei Einbruch der Dunkelheit in ihre Schlafsäcke gekrochen sind. Ich brauche nicht acht Stunden Schlaf, da habe ich oft nachts mit Kopfhörern Radio gehört.

Jetzt habe ich noch viel mehr Zeit fürs Radio, vor allem wenn ich allein im Auto unterwegs bin. Am liebsten höre ich dann die Tex-Mex Sender. Die Moderatoren sprechen alle ein rasend schnelles Spanisch. Ich liebe die Mexikanische Balladen mit der Super Begleitmusik, genau die richtige Musik fürs Gemüt und für die endlosen Geraden in den Wüsten-Ebenen und die Achterbahnen in den Bergen!

Dann kommen die Highway Country Sender, Amerikanisch, mit Verkehrsinfo. Die alten Sänger sind alle herzensgute und mausarme Cowboys, sie singen mit wenigen oder ganz ohne Zähne, vielleicht imitieren sie diese Mummelsprache auch nur. Dann wird mein KIA Mietauto zum Pony und meine Tewa-Sandalen zu Texas-Stiefeln. Es gibt auch sauglatte Cowboy-Shows. Eigentlich sind sie saublöd, aber so blöd, dass sie lustig sind. Bei den politischen Shows begreife ich die Witze nicht, da bin ich der Blöde.

Immer wieder erwische ich Evangelisten, die haben alle eine ölige und falsche Stimme, Wahrscheinlich steigen sie gerade aus dem Ehebett eines ihre Freunde. Mich geht das ja nichts an, aber ich mag weder den Ton noch die Moralpredigten. Aus rein wissenschaftlichen Gründen habe ich ein paar Mal zugehört, jetzt drücke ich schnell den Umschalt-Knopf am Steuerrad.

Die gewöhnlichen Stationen: magere Musik mit viel Werbung. Überall für das selbe Potenzmittel, für Mann und für Frau, auf natürlicher Basis, ohne Rezept erhältlich, macht das Leben wir wieder wunderschön! Und Sofort-Kredite, ohne jede Ueberprüfung! Wie du überall Tausende von Dollars sparenkannst, indem du ein neues Dach machen lässt, einen neuen Wagen kaufst, ...aber sofort, die ersten Hundert bekommen nochmals 5% Extra-Rabatt! Jede(r) kann 40 kg abnehmen, ohne eigene Anstrengung, ohne den Lebensstil zu ändern, du wirst sofort beraten. Immer per Telefon und sofort. Man muss saublöd, verzweifelt oder schwerhörig sein, um diese Stationen zu wählen. In allen Läden und Imbiss-Schuppen laufen aber gerade die.

Dann gibt es das National Public Radio (NPR), keine kommerzielle Reklame, fundierte Nachrichten und Hintergrundberichte, Klassische Musik, Jazz und gute Unterhaltungsmusik, Interviews, intelligenter Talk. Da könnte unsere SRG etwas lernen. Schade, die Schweiz übernimmt von Amerika lieber den Schrott als das Gute. Wegen der Wirtschaftskrise und den horrenden Kriegsausgaben streicht nun das republikanische Parlament die Zuschüssen an das NPR. Es ist ungewiss, ob das Geld der gemeinnützigen privaten Stiftungen ausreicht, um diese Stationen weiter so zu betreiben.
Auch auf NPR gibt es Reklame: für Hilfsorganisationen, welche den Leuten unentgeltlich zeigen, wie sie aus ihren Schulden wieder herauskommen können. Wie sie sich beruflich weiterbilden können, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Anleitungen, wo und wie wie Arme, Kranke und Behinderte zu etwas Hilfe kommen können. Weil diese Leute sicher nicht NPR hören (wo hätten sie das lernen sollen?), werden die Hörer aufgefordert, sie auf diese Angebote aufmerksam zu machen.

In Los Angeles konnte ich auch Chinesisch und Japanisch hören. Das Radio genügt mir, bis jetzt schaute ich noch kein TV, da werde noch viel mehr manipuliert.