Montag, 25. April 2011

Freunde in Annapolis

 
Ostern ist hier ein Sonntag wie jeder andere, und jeder Sonntag ist ein Tag wie jeder andere. Man arbeitet je nach Wetter, und nur so viel dass man weder Sonntage noch Ferien braucht. Die Leute hier denken lieber selber anstatt zu glauben.

Am Abend fahren wir zu viert mit dem Picup durch den Regen zu Stephen's. Zuerst 20% steil im 4wheel drive den Berg hoch, dann 500m weit auf der Teerstrasse, dann auf der Little Creek (dirt-)Road den Berg hinunter zur schmalen Holzbrücke und wieder hinauf aufs Plateau. Alles im Wald. Die Strasse ist schmal und kurvig, die gewaltige Bäume stehen hart am Strassenrand, unsere Geschwindigkeit beträgt 10 mph (16 km/h). Überraschend kommt ein grosser und schöner Weinberg, eine Tafel (Pivate Property, Keep Out) und nochmals ein Weinberg, wieder mit Tafel, und nach 45 Minuten kommen wir über eine Fahrspur zu Stephen's Haus. Im hell erleuchteten Fenster sehen wir Leute in der Küche hantieren .

Durch den Regen bringen wir unsere Schachteln mit Essen und Getränken und zwei Klappstühle zum Haus und beegrüssen die Leute: nice to meet you. Stephen, der Hausherr, empfängt uns. Er ist gross, herzlich und sehr beschäftigt mit seinen 12 Gästen. Mich fragt er, ob ich der Guy von Sweden sei. (Au, nicht schon wieder!) Doch ich soll mich getäuscht haben, er habe vor Jahren einen Schweden getroffen, der mir ähnlich sah. (Vielleicht, denke ich).

Stephen hat sein Haus selber gebaut, über Jahre hinaus, und immer wieder angebaut. Die alten Teile hat er gelassen wie sie waren. Ich habe noch nie solch ein Haus gesehen, für mich ist es ein Haus der Gefühle. Später erfahre ich von Stephen, dass er in Hollywood mit Licht und Ton gearbeitet hat. Er war auch Lehrer für Kunst an einer Universität, er hat Plastiken geschaffen, und er hatte ein Geschäft in San Francisco. Er kann mir nicht genau sagen, seit wann er hier draussen lebt und baut.

Kurt, ein Gast, hat am WEF in Davos ein Compuer - System für Konferenzen eingeführt, mit dem man die Schnörri zurück binden und die Zaghaften ermuntern könne. Weil er sich für den biologisch - dynamischen Anbau interessiert, hat er damals auch Dornach besucht. Jetzt experimentiert er mit Schaf- und Ziegenkäse, allerdings noch mit wechselndem Erfolg. Vom gut Gelungenen hat er mitgebracht. Es dauert, bis draussen im Regen auf dem Grill die Glut bereit ist. Unterdessen geht in der alten Küche das gemütliche Chaos weiter.

Ashley und Fergusson, ein junges amerikanisches Paar, kennen sich in Stephen's Küche schon aus. Sie wohnen für ein Jahr als Wwoofer auf Kurts Hof. Die Leute bringen ihre whoofers zu diesen Treffen mit.
Ihre „Sklaven“ wie sie sie manchmal liebevoll nenenen.

Den freundlichen 20-jährige John kenne ich schon, er kommt jeden Donnerstag zu Jim und Sharon zum Musizieren und zum Essen. Seine Eltern sind erfolgreiche Gartenarchitekten, und sie wohnen schon lange wieder in San Francisco. John lebt allein im alten Haus mit dem grossem Garten und dem Treibhaus, hier irgendwo im Wald. Er hat keine Schule besucht, Lesen und Schreiben hat er bei seinen Eltern gelernt. Geige spielt er ab CD's, fürs Brennholz fällt er die Bäume selber. Er besitzt ein schweres Motorrad. Mit dem möchte er durch die USA und durch Europa fahren. Er hat gerade ein Buch geschrieben, "Dark Light", das er im Internet vermarkten will.

Der ältere und gemütliche John hat seine neue Freundin Susan mitgebracht. Man diskutiert, wie man sie eiornen soll: Bekannte von John, Freundin, girlfriend? Man einigt sich auf „John's Lover“. Sie kam vor 28 Jahren aus Dublin und lebt in San Francisco, und sie legt Wert auf ihr Irisches Englisch.

Das Fleisch ist jetzt gebraten, und jeder bringt seinen Stuhl mit an den Tisch. Meiner ist sehr niedrig, ich sehe alles von unten. Es ist eng und gemütlich, die Speisen sind meistens scharf. Alle haben Wein mitgebracht, und John eine Menge Schnäpse. Man tauscht Neuigkeiten aus, dann kommt die Politik. Das verbindet hier die Leute, ihre Abscheu vor dem "american way of life" und vor der Politik Washingtons: Macht, Geld, Imperialismus. Der Betrug mit der Demokratie, die längst keine mehr ist, in deren Name schmutzige Kriege geführt werden. Man ist sich einig. (nicht ganz, das kommt noch).

Man ist sich aber auch einig, dass es fast allen Leuten hier in Amerika sehr gut geht, im Vergleich mit der Rest der Welt, Westeuropa ausgenommen. Es gibt auch viel Gutes in Amerika, die meisten lieben ihr Land. Doch weil sie es lieben, kämpfen sie für mehr Aufrichtigkeit, für mehr soziales Gedankengut, für ein friedlicheres Zusammenleben, gegen das korrupte und allmächtige System von Grossen Gesellschaften, Banken, Politikern und Militär.

Susan sieht das anders. Sie ist als 20jährige aus Irland nach Amerika gekommen, sie verdankt  diesem guten und grosszügigen Land alles. Nach ihrer Überzeugung ist niemand hier berechtigt, am eigenen Vaterland Kritik zu üben. Susan ist dominant, sie fällt jedem ins Wort, sie spricht schneidend und laut und sie lässt andere Argumente nicht gelten. Die Runde bleibt höflich, Susan ist neu hier und ziemlich betrunken. Es tut auch gut, eine andere Meinung am Tisch zu haben. Zwischendurch sagt sie, nur zu mir, es tue ihr leid, dass sie sich so unmöglich benehme.

Man zügelt in die Stube, wo Jim, Carl der Schwede und John der Geiger aufspielen. Als sie Irischen Musik spielen, tanzt Susan wild dazu. Dann stolpert sie und schlägt schwer mit ihrem Kopf auf den Boden. Dann gehen John und Susan nach Hause. Zu Fuss, sie können nicht mehr Auto fahren.

Das Aufräumen in diesem Chaos ist auch ein Chaos. Um zwei Uhr sind wir wieder zurück in unserem immer so aufgeräumten Haus.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen