In
einem Abstellraum treffen wir die Gastgeberin, eine Silberfrau mit
einer Wunderstimme. Ihr ehemaliger Freund Cybork, ein Deutscher, der
viele Jahre hier gelebt hatte, ist in Berlin gestorben.
Wir
gehen weiter in ein grässliches Versammlungslokal. An den Wänden
thronen vier alte Ledergruppen, mit Holzspeeren dekoriert, darüber
prangen Fahnen und je ein göttliches Auge. Drei Männer montieren
auf einer Bockleiter einen Beamer, der ein sehr schiefes Bild auf ein
Leintuch wirft. In einer Ecke läuft eine Videokamera.
Es
sind erst wenige Leute da, dafür seltsame. Neue Gäste kommen, Leute
wie aus Polanskis Tanz der Vampire: riesige Haarschöpfe, indianische
Wollkappen, lange Hippyröcke, giftblaue Herrenschuhe, ein paar
Monsterhafte, ein paar sehr schöne Frauen und auch ein paar
gewöhnliche Frauen mit kleinen Kindern. Die meisten kennen sich.
Ich kenne auch einen, er sass gestern mit einem Riesenhut und
weinrotem strähnigem Haar vor mir im Bus. Es gelingt mir aber nicht
mit ihm sprechen, vielleicht ist er zugedröhnt oder behindert.
Auf
der Leinwand läuft jetzt eine Slideshow mit Bildern von Cybork.
Die
Silberfrau begrüsst die Gäste. Dann beginnt sie vom Verstorbenen zu
sprechen, und sie trägt ein langes und für mich erschreckend
offenes Gedicht vor. Sie ist Dichterin und Malerin. Sie lädt die
Gäste ein, von Cybork Abschied zu nehmen. Weil niemand anfangen
will, zeigt sie Filme von und mit Cybork, der ein bekannter
Videokünstler gewesen sein muss. Auf der Leinwand erscheint die
schöne Silberfrau dann oft ohne ihr Silberkleid, schön nackt.
Cybork
hat hier auch eine eigene Radiostation besessen. Er war als Richard
mit einem Besuchervisum von Deutschland in die USA gekommen. Weil er
seinen Pass verloren habe, sei er erst nach 15 Jahren wieder zurück
nach Hause geflogen.
Später
sprechen doch noch viele. Cybork muss ein sehr beliebter und
geliebter Mann gewesen sein. Jede der schönen Frauen hatte ihn
heiraten wollen. Alle weinen beim Abschied nehmen. Jetzt wird es auch
mir warm ums Herz, ich spüre nichts mehr von der Vampir-Atmosphäre.
Ich beginne die Leute richtig gut zu mögen, sie sind so echt.
Zwischendurch
wird es auch mal lustig, etwa wenn sie von den Videoaufnahmen
erzählen, oder von seinen zwei überlangen weissen Cadillacs, die er
mit dem Flugzeug nach Berlin mitgenommen hat.
Nach
23 Uhr, noch bevor die angesagte Party begonnen hat, fahren wir eng
gepackt durch die von Nebeln durchzogene Mondnacht zurück zu unserem
Haus im Wald.
Point
Arena sei vor 30 Jahren ein gewöhnlicher Fischer- und Sägerort
gewesen. Dann seien Alt-Hippys zugewandert, und es kam zum
Zusammenstoss der Kulturen. Mit der Zeit haben die Hippys die alte
Bevölkerung einfach ersetzt. Darum sei Point Arena heute ein etwas
ausgeflippter Ort.
Auf
dem Heimweg fragt mich Jim noch, ob es für mich nicht seltsam
gewesen sei, in den Videos so viel Deutsch zu hören? Nein. Aber
alles andere an diesem Abend etwas seltsam für mich.
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