Sonntag, 13. März 2011

Potlak in Point Arena. 13. März 2011

Am ersten Abend meines Wwoofer-Jobs fahren Jim und Sharon, unsere Gastgeber, Anna und Jonas, meine dänischen Mit – Wwoofer und ich, eine Stunde weit zu einer Party nach Point Arenas an der einsamen Pacific-Küste. Wir parken vor der Elk Lodge und steigen ein vergammeltes Treppenhaus hoch. Im Gang brennen Kerzen, auf einem Tischchen sind zwischen weissen Blumen Fotos und Erinnerungsstücke ausgestellt. Die vermeintliche Party ist eine Trauerfeier.


In einem Abstellraum treffen wir die Gastgeberin, eine Silberfrau mit einer Wunderstimme. Ihr ehemaliger Freund Cybork, ein Deutscher, der viele Jahre hier gelebt hatte, ist in Berlin gestorben.

Wir gehen weiter in ein grässliches Versammlungslokal. An den Wänden thronen vier alte Ledergruppen, mit Holzspeeren dekoriert, darüber prangen Fahnen und je ein göttliches Auge. Drei Männer montieren auf einer Bockleiter einen Beamer, der ein sehr schiefes Bild auf ein Leintuch wirft. In einer Ecke läuft eine Videokamera.

Es sind erst wenige Leute da, dafür seltsame. Neue Gäste kommen, Leute wie aus Polanskis Tanz der Vampire: riesige Haarschöpfe, indianische Wollkappen, lange Hippyröcke, giftblaue Herrenschuhe, ein paar Monsterhafte, ein paar sehr schöne Frauen und auch ein paar gewöhnliche Frauen mit kleinen Kindern. Die meisten kennen sich. Ich kenne auch einen, er sass gestern mit einem Riesenhut und weinrotem strähnigem Haar vor mir im Bus. Es gelingt mir aber nicht mit ihm sprechen, vielleicht ist er zugedröhnt oder behindert.

Auf der Leinwand läuft jetzt eine Slideshow mit Bildern von Cybork.
Die Silberfrau begrüsst die Gäste. Dann beginnt sie vom Verstorbenen zu sprechen, und sie trägt ein langes und für mich erschreckend offenes Gedicht vor. Sie ist Dichterin und Malerin. Sie lädt die Gäste ein, von Cybork Abschied zu nehmen. Weil niemand anfangen will, zeigt sie Filme von und mit Cybork, der ein bekannter Videokünstler gewesen sein muss. Auf der Leinwand erscheint die schöne Silberfrau dann oft ohne ihr Silberkleid, schön nackt.

Cybork hat hier auch eine eigene Radiostation besessen. Er war als Richard mit einem Besuchervisum von Deutschland in die USA gekommen. Weil er seinen Pass verloren habe, sei er erst nach 15 Jahren wieder zurück nach Hause geflogen.

Später sprechen doch noch viele. Cybork muss ein sehr beliebter und geliebter Mann gewesen sein. Jede der schönen Frauen hatte ihn heiraten wollen. Alle weinen beim Abschied nehmen. Jetzt wird es auch mir warm ums Herz, ich spüre nichts mehr von der Vampir-Atmosphäre. Ich beginne die Leute richtig gut zu mögen, sie sind so echt.

Zwischendurch wird es auch mal lustig, etwa wenn sie von den Videoaufnahmen erzählen, oder von seinen zwei überlangen weissen Cadillacs, die er mit dem Flugzeug nach Berlin mitgenommen hat.

Nach 23 Uhr, noch bevor die angesagte Party begonnen hat, fahren wir eng gepackt durch die von Nebeln durchzogene Mondnacht zurück zu unserem Haus im Wald.

Point Arena sei vor 30 Jahren ein gewöhnlicher Fischer- und Sägerort gewesen. Dann seien Alt-Hippys zugewandert, und es kam zum Zusammenstoss der Kulturen. Mit der Zeit haben die Hippys die alte Bevölkerung einfach ersetzt. Darum sei Point Arena heute ein etwas ausgeflippter Ort.

Auf dem Heimweg fragt mich Jim noch, ob es für mich nicht seltsam gewesen sei, in den Videos so viel Deutsch zu hören? Nein. Aber alles andere an diesem Abend etwas seltsam für mich.

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